Omega 3/6- Fettsäuren
Marine Omega-3-Fettsäuren (Fischöl) und ihre Anwendung im kinder- und jugendpsychiatrischen Bereich
Viele ältere Menschen erinnern sich vielleicht noch an die Einnahme von Fischlebertran als Nahrungsergänzung. Schon damals wurde diesem Mittel eine positive Wirkung auf die Gesundheit zugesprochen. Nach Jahrzehnten der Forschung im Bereich der diätetischen Lebensmittel hat die Wissenschaft heute genauere Erkenntnisse gewonnen, warum an dieser Einschätzung festgehalten werden kann. Die Auswirkungen von Fischölen auf die Stimmung, Ängste, Herzerkrankungen und Konzentrationsstörungen konnten weitgehend belegt werden. Die Ergebnisse der Forschungsarbeiten sind jedoch zum Teil widersprüchlich, die Methoden entsprechen nicht immer wissenschaftlichen Standards – vor allem zeigen sich aber unterschiedlich starke Wirkeffekte bei den verschiedenen Krankheitsbildern.
Im psychiatrischen und kinder- und jugendpsychiatrischen Bereich wurde gerade in den letzten 20 Jahren verstärkt geforscht, da herkömmliche Medikamente manchmal zu starke Nebenwirkungen zeigen, Unverträglichkeiten auftreten oder keine ausreichende Wirkung zu erzielen ist. In diesen Fällen wäre es wünschenswert alternative oder ergänzende Mittel zur Verfügung zu haben, um die Verträglichkeit bzw. die Effekte zu verbessern. Darüber hinaus zeigt sich gerade im Hinblick auf die Behandlung von Kindern mit Gemüts- (Depression, Angst) oder Konzentrations- und Impulskontrollstörungen (ADHS), dass die Eltern oftmals zunächst aus verschiedenen Gründen keine medikamentöse Therapie wünschen. Angesichts steigender Verordnungszahlen für Stimulanzien (Methylphenidat) bei ADHS wurde zum 1.9.2009 eine europäische Richtlinie wirksam, die den zurückhaltenden Einsatz dieser Medikamente vorsieht und den vorrangigen Einsatz psychotherapeutischer Verfahren empfiehlt. Dieser Bedarf ist allerdings nicht annähernd zu decken, ganz abgesehen davon, dass manche Kinder oder Jugendliche eine solche Behandlung ablehnen.
Hier kann guten Gewissens der Versuch der Behandlung mit Nahrungsergänzungsmitteln (Fischöl und evtl. Magnesium, falls eine Unterversorgung besteht) unternommen werden, da die Forschung u. a. gezeigt hat, dass ein Mangel an Omega-3-Fettsäuren impulsives Verhalten begünstigt. Bei guter Verträglichkeit (lediglich milde Beschwerden im Magen-Darm-Trakt wurden beschrieben) konnten gut ausgeführte Studien Hinweise auf eine Verbesserung der Ablenkbarkeit, der Impulsivität und der Unruhe zeigen. Darüber hinaus fanden sich sehr positive Auswirkungen auf die Stimmungsstabilität und Ängste. Grundlage dieser Einschätzung sind unterschiedliche, groß angelegte Untersuchungen auf internationaler Ebene, bei denen alle vorhandenen Forschungsarbeiten bewertet und die dort beschriebenen Effekte zusammen getragen werden. Solche Metaanalysen bilden den aktuellen Wissenstand ab und geben einen guten Überblick über die Empfehlungen für die Alltagspraxis. Aber auch der Blick auf Einzelstudien lohnt. Im Folgenden wollen wir kurz skizzieren, welche Effekte für eine Entscheidung pro oder contra Fischöleinsatz sprechen.
Sowohl im „American Journal of Psychiatry“ 2004 (161 (10): 1922-24) als auch in „Drugs“ von 2005 (65 (8): 1051-59) wurde genauer auf die Wirkweise der Omega-3-Fettsäuren im Körper, speziell dem Gehirn eingegangen. Einerseits wurde gezeigt, dass die Beweglichkeit der Zelloberfläche in den Nervenzellen des Gehirns (Membranfluidität) zunimmt und damit die Andockstellen für Botenstoffe (Rezeptoren) positiv beeinflusst werden können. Zum anderen wurde dem Baustein DHA eine entscheidende Rolle beim Aufbau und der Zusammensetzung der Zellhülle eingeräumt – mit entsprechenden Auswirkungen auf die Funktion der Rezeptoren. Diese haben wiederum für die Datenübertragung im Gehirn (sich etwas merken oder Informationsfluss abblocken/filtern können) sowie die Gefühlsregulation eine wichtige Funktion. Insgesamt wird der Einsatz vor allem bei Gefühlsstörungen empfohlen.
Einen sehr guten Überblick über die verschiedenen schulmedizinischen und alternativen Behandlungsmöglichkeiten der ADHS bietet ein längerer Artikel in „Psychopharmakotherapie“ aus dem Jahre 2007 (14: 229-36). Dieser stellt auch in Form tabellarischer Listen die Effekte gegenüber und bewertet den Einsatz von Fischöl (EPA/DHA) bei ADHS als günstige Ergänzung zu anderen Therapien.
Ein wegweisender Artikel wurde 2006 im „Journal of Clinical Psychiatry“ (67 (12): 1954-67) veröffentlicht. Dieser fasst eine Metaanalyse von Spezialisten zusammen, die für die Amerikanische Psychiatrische Gesellschaft (APA) erstellt wurde. Hier konnten statistisch klare Effekte der Fischöle für den Bereich der depressiven und bipolaren Störungen nachgewiesen werden. Für ADHS, Ängste und einige andere psychiatrische Störungsbilder ergaben sich lediglich Hinweise auf positive Effekte, da die Studienlage zu uneinheitlich war.
In „Lipids Health Dis.“ von 2007 (18 (6): 21) wurde eine Studienübersicht vorgestellt, die geringere Effekte bei ADHS erbrachte als bei Gemütsstörungen (Depression, bipolare Störung, Angst), aber die Ergebnisse als so ermutigend darstellte, dass weitere Forschungen in allen diesen Bereichen vorangetrieben werden sollten.
Als wichtigste Referenzstudie wird oft die so genannte Oxford-Durham-Studie genannt. Diese untersuchte Effekte bei Kindern mit motorischen Entwicklungsstörungen. Dabei zeigte die Gabe von Omega-3-Fettsäuren jedoch keinen ausreichenden Effekt. Allerdings wurde beobachtet, dass die typischen Zeichen einer ADHS, wie sie bei einem großen Teil der Probanden zu finden waren, über einen Zeitraum von vier Monaten im Lehrerurteil deutlich rückläufig waren.
Diese Ergebnisse können wir auch unseren eigenen Fragebogenuntersuchungen der letzten Jahre bestätigen. Wir fanden bei 150 Fällen nach acht Monaten Fischölbehandlung gute Effekte im Elternurteil für die Bereiche Ablenkbarkeit, Konzentrationsdauer, Stimmungsstabilität und Lese-Rechtschreibfähigkeit. Bei einer Untersuchung dieser Effekte nach einem Behandlungszeitraum von drei Monaten zeigten sich diese Auswirkungen allerdings nur in deutlich geringerem Ausmaß.
Abschließend kann gesagt werden, dass alle Studien den Bedarf nach weiterer umfassenderer Forschung sehen und einfordern. Vor allem sollten die Studien methodisch sauber und seitens der Teilnehmerzahl angemessen groß ausgelegt sein. Gerade doppelblinde (weder Arzt noch Teilnehmer wissen, ob ein wirksames Mittel gegeben wird) und placebokontrollierte (wirksames Mittel wird gegen unwirksame Substanz getestet) Studien sind nicht in ausreichendem Maß vorhanden, um eine abschließende Beurteilung der Wirksamkeit und vor allem der Dosisempfehlung zu geben.
Aus eigener Erfahrung in unserer Praxis können wir aber in vielen Fällen bei ADHS, Ängsten, Lese-Rechtschreibproblemen oder Stimmungsschwankungen bis hin zu depressiven Phasen zu einem Behandlungsversuch raten. Dieser sollte allerdings immer unter ärztlicher Anleitung geschehen, um abzuschätzen, ob diese Therapie ausreicht und in welches umfassende Therapiekonzept (so genannte multimodale Behandlung) die Omega-3-Fettsäuren eingebettet sind. Die Auswahl an Präparaten ist inzwischen sehr groß. Wir raten daher unseren Patienten, nach Inhaltsstoffen, Reinheitsgrad der Öle und Menge EPA/DHA pro Einheit zu gehen. Die Kinder müssen das Mittel darüber hinaus auch schlucken können. Manchen gelingt es problemlos Kapseln einzunehmen, andere benötigen ein Granulat, Kaukapseln oder Saft. Oft sind Säfte oder Granulate nicht geschmacksneutral, so dass wir im Wesentlichen zu Kapseln raten. Eine Behandlung sollte aus unserer Sicht mindestens vier Monate andauern, besser scheinen sechs und mehr zu sein. Es bietet sich an, die Veränderungen schriftlich zu messen und zu notieren, um den Verlauf und damit die Wirksamkeit objektiver beurteilen zu können. Ihr Arzt kann Ihnen sicher entsprechende Blätter oder Fragebögen zur Verfügung stellen und diese mit Ihnen auswerten.
K. Werner Heuschen, Adam Alfred
Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie
Gemeinschaftspraxis Dr. Alfred/Heuschen/Palloks
Franz-Schrank-Str. 2, 80638 München
Tel: 089-30905660, Fax: 089-309056666
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