ADHS bei Kindern

Chaos im Kopf, Wut im Bauch, neben der Spur

Es gibt zurzeit kein Störungsbild in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, das so kontrovers diskutiert wird, wie die ADHS oder ADS. Eltern und Pädagogen sind  deswegen sehr verunsichert und können nur schwer einschätzen, ob es sich nun um eine Modediagnose oder eine ernst zunehmende Symptomatik handelt, die einer fachkompetenten Behandlung bedarf.
ADHS (Aufmerksamkeitsdefizitstörung mit Hyperaktivität), früher nur Hyperaktivität genannt, stellt im Kindesalter die häufigste seelische  Störung dar. Man geht davon aus, dass insgesamt 4-7% der Kinder betroffen sind.

ADHS hat viele Symptome und Auffälligkeiten. Die Kinder zeigen das folgende Verhalten oder zumindest wesentliche Teile davon:

  • Unruhe, Zappeligkeit bei dem hyperaktiven Typ
  • Verträumt, passiv, langsam und oft abwesend bei dem unaufmerksamen Typ
  • Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen, häufige Flüchtigkeitsfehler,
  • endlose Hausaufgaben
  • Sie sind häufig ungeduldig, aggressiv und laut
  • Lernstörungen
  • Häufige, heftige Stimmungsschwankungen, „himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt“
  • Sie reagieren zu heftig und überschießend
  • Chaos, sie können keine Ordnung halten
  • Impulsivität, sie rasten schnell aus, provozieren
  • Sie sind schnell aus der Fassung zu bringen, irritierbar
  • Sie handeln unüberlegt nach dem Motto: erst gemacht, dann gedacht
  • Sie können sich schlecht an Regeln halten oder reizen ihre Grenzen aus
  • Sie lernen schlecht aus Erfahrung und machen immer wieder die gleichen Fehler
  • Sie hören oft nicht richtig hin
  • Sie machen Sachen nicht vollständig zu Ende, springen in ihren Tätigkeiten
  • Sie haben häufiger schlechten Umgang oder werden abgelehnt
  • Sie handeln unüberlegt und haben ein höheres Unfallrisiko
  • Sie haben wenig Selbstkritik
  • Sie vergessen schnell, „aus den Augen aus dem Sinn“
  • Sie haben kein gutes Zeitgefühl
  • Jeden Tag von neuem tritt das Problemverhalten auf
  • Begleiterkrankungen bis zu 80% ( Lese-Rechtschreibstörung, Dyskalkulie, Angst, Depression, Suchterkrankungen, Ticerkrankungen)


Auf Grund der oben beschriebenen Probleme haben ADHS- Kinder vermehrt Schulschwierigkeiten und bleiben weit unter ihren Möglichkeiten. Ihre Noten schwanken sehr stark. Wenn sie etwas interessiert, können sie sich längere Zeit konzentrieren und sogar Höchstleistungen erbringen, aber wenn der Stoff oder die Aufgabe uninteressant sind, können selbst einfache Aufgaben nur mit Mühe bewältigt werden. In der Familie entstehen Dauerkonflikte um Lernen und Hausaufgaben. Die Kinder sind außerdem vergesslich und verlieren häufig ihre Sachen. Es fällt ihnen schwer, sich zu organisieren und den Überblick zu behalten. Sie verzetteln sich und können Wesentliches nur schwer von Unwesentlichem unterscheiden. Sie sind häufig chaotisch und sprunghaft und Ordnung erscheint ihnen als exotisches Fremdwort. Die hyperaktiven Kinder sind oft getrieben, zappelig, unruhig, immer auf dem Sprung und können nicht warten. Die hypoaktiven Kinder dagegen sind verträumt, passiv, ängstlich und unsicher.

Die Stimmungen wechseln sehr schnell und die Reaktionen auch auf kleine Begebenheiten in der Außenwelt sind häufig sehr heftig und überschießend. So geht gleich wegen einer kleinen Kränkung die Welt unter oder aber ein kleines Ärgernis löst einen heftigen Wutanfall aus. Alles kann zum Drama werden und das ADHS-Kind neigt dazu, sich in seine Gefühle hineinzusteigern und sie dann in die Welt zu schleudern. Nach heftigen emotionalen Entgleisungen ist die Welt dann wieder in Ordnung und die Gefühlsausbrüche sind vergessen. Das ADHS-Kind ist nicht nachtragend und hat ganz schnell die Katastrophen wieder vergessen, an denen es noch vor kurzem so gelitten hat. Andererseits können aber solche Kinder sehr trotzig und auflehnend sein. Sie führen Endlosdiskussionen und es fällt ihnen sehr schwer, sich an Regeln zu halten. Oft befinden sie sich in einem permanenten Kampf gegen den Rest der Welt, die sie als sehr ungerecht erleben und in der sie sich ständig zu kurz gekommen fühlen.
Sie lernen wenig aus Erfahrung und sind risikobereit, weil sie gar nicht über die Konsequenzen ihrer Handlungen nach zudenken scheinen. Daraus resultiert auch ein erhöhtes Unfallrisiko.

Probleme in der Erziehung
ADHS-Kinder stellen hohe Anforderungen an Erziehende. Sie werden als sehr anstrengend empfunden, sind häufig provozierend und grenzüberschreitend und stellen eine große pädagogische Herausforderung dar. Schon als Kleinkinder können sie auffällig sein. Häufig sind sie Schreikinder, haben ausgeprägte Schlafstörungen oder Essstörungen. Sie sind irritierbar, schwer zufrieden zu stellen und haben ein ausgeprägtes Trotzverhalten. Es gibt jedoch durchaus auch immer wieder Eltern, die von völlig unauffälligen, sogar pflegeleichten Säuglingen und Kleinkindern berichten.
Eltern müssen jeden Tag immer wieder Grenzen setzen. Es ist äußerst anstrengend und zermürbend, den täglichen Kampf um Regeln oder einfache Handlungsabläufe zu überstehen und sich gegen den Trotz und Widerstand der Kinder zu behaupten. Die ständigen Stimmungswechsel und die heftigen Wutausbrüche führen zu schwierigen familiären Situationen, in denen auch Eltern ihre Fassung verlieren und ebenfalls emotional und heftig mit reagieren können. Das Einfordern von Pflichten, ebenso wie das Erledigen der Hausaufgaben sind Quelle ständiger Auseinandersetzungen.


Eltern von ADHS-Kindern stehen oft in der Kritik und werden verantwortlich für das Verhalten ihrer Kinder gemacht. So müssen sie Vorwürfe ertragen, dass sie nicht konsequent genug erziehen oder aber zu streng seien und viele Menschen im Umfeld haben einen Ratschlag, wie es denn besser gehen könnte. Die allermeisten Eltern von ADHS-Kindern haben sich bis zur völligen Verausgabung bemüht, ihr Bestes zu geben und sie fühlen sich oft unfähig, haben Schuldgefühle, weil ihr Kind doch immer wieder problematische Verhaltensweisen zeigt. Eventuell haben sie auch von anderen gehört, dass sie ihr Kind nicht ausreichend lieben und dass ADHS das Symptom einer Bindungsstörung sei. Sowohl den Kindern als auch den Eltern könnte viel Leid erspart werden, wenn die Diagnose ADHS rechtzeitig gestellt würde. Wichtig zu wissen ist, dass ADHS nicht auf Erziehungsfehler zurückzuführen ist und auch niemand die Schuld an ADHS trägt, sondern dass es sich um eine erbliche Gehirnstoffwechselbesonderheit handelt . (siehe Ursachen der ADHS). Weder Eltern noch Kinder müssen sich für die ADHS schämen und auch keiner hat etwas falsch gemacht. Es geht darum, ADHS frühzeitig zu erkennen und dem Kind sowie den Eltern und Pädagogen gute Wege aufzuzeigen, um mit den daraus resultierenden Schwierigkeiten umzugehen. ADHS ist ein gut behandelbares Krankheitsbild mit einer günstigen Prognose, wenn man es erkennt und störungsspezifisch behandelt. Hierzu gehört eine fachärztliche Behandlung und ein auf die individuelle Problematik des Kindes abgestelltes Therapiekonzept (siehe Therapie).

Wichtig ist immer wieder zu betonen, dass ADHS auch ganz viele positive und liebenswerte Seiten hat. ADHS-Betroffene sind sehr kreative, originelle und flexible Menschen, die sich mit viel Begeisterungsfähigkeit für Sachen einsetzen können, die sie sehr interessieren. Sie können viel Kraft, Energie und Durchsetzungsvermögen an den Tag legen. Es sind die Revoluzzer und Querdenker, Erfinder und Erneuerer, weil sie mit ihrer Unangepasstheit auch alte Denkweisen in Frage stellen und sich aus alten Strukturen herauslösen können. Sie können sprühend und unterhaltsam sein. Unsere Welt wäre ohne ihre Fähigkeiten viel ärmer und langweiliger.

Grundsätzlich ist nicht jede ADHS behandlungsbedürftig. ADHS stellt zunächst einmal eine Normvariante menschlichen Seins und menschlicher Verhaltensweisen dar. Viele bekannte Künstler, Schauspieler, Moderatoren etc. haben eine ADHS ohne, dass dies für sie zu ernsten Schwierigkeiten geführt hat. Viele haben gute Wege gefunden, mit ihrer ADHS umzugehen bzw. haben sich in Bereichen verwirklicht, in denen sie von ihren Eigenschaften profitieren. Behandlungsbedürftig wird die ADHS erst, wenn es zu deutlichen Schulproblemen, Schwierigkeiten im Beruf oder zu ausgeprägten Störungen im Sozialverhalten und in Beziehungen kommt.