Begeleiterkrankungen

Zunehmend wird deutlich, dass AD(H)S ein Risikofaktor für die meisten psychiatrischen Symptome im Erwachsenenalter sind. Warum ist hier noch nicht vollständig geklärt. AD(H)S-ler sind zunächst einmal dünnhäutiger und verletzbarer als andere Menschen. Das  kann zum einen erbliche Gründe haben, aber natürlich spielen diese Lebenserfahrungen hier auch eine wichtige Rolle. Auf Grund der ADHS-Symptome, die meist schon in früher Kindheit deutlich zu Tage treten, haben Betroffene häufiger als ihre Mitmenschen Misserfolge, Missgeschicke, Niederlagen und Enttäuschungen hinzunehmen. Die meisten AD(H)S-ler hatten als  Kind viel Stress gehabt und all diese Erfahrungen haben es verhindert, dass sie ein gesundes und stabiles Selbstwertgefühl aufbauen konnte. Gerade aber die Selbstzweifel und Selbstunsicherheit sind wieder ein Risikofaktor für Ängste, Depressionen und psychosomatische Störungen.

Je genauer die Lebensläufe der ADHS-Patienten wissenschaftlich untersucht werden, desto deutlicher wird es, dass es im Laufe der Entwicklung und im Erwachsenenalter zu einem sogenannten Symptomwechsel kommen kann, was bedeutet, dass die Symptome sich im Laufe des Lebens verändern und dann nicht mehr an das Vorliegen einer ADHS gedacht wird. Im Kindesalter sind die Begleiterkrankungen gut erforscht. So haben die folgenden Erkrankungen ein gehäuftes Auftreten im Zusammenhang mit ADHS:

  • Leserechtschreibstörung bis in 30% der Fälle
  • Rechenschwäche bis zum 30%
  • Ticsyndrom ( Tourette) 10-20%
  • Autismus in 6% der Fälle
  • Zwänge
  • hohe Unfallrate (durch unüberlegtes Handeln)
  • Störung des Sozialverhaltens und oppositionelle Verhaltensweisen
  • ( daraus resultierend eine höhere Rate von Straffälligkeit und Schulabbrüchen)
  • Schlafstörungen

Im Erwachsenenalter zeigt sich dann der Symptomwandel:

Bis zu 40% der Erwachsenen AD(H)S-ler leiden unter Ängsten und Depressionen. Hier müssen sowohl die Ängste und Depressionen wie auch die ADHS behandelt werden

Auch gibt es bei AD(H)S eine Doppelt so hohe Wahrscheinlichkeit für das Auftreten von Zwangsstörungen. Das ist erst einmal widersprüchlich, weil ADHS-Betroffene doch eher für ihr Chaos und ihre Unordnung bekannt sind. Bei Auftreten von Zwangsgedanken oder Zwangshandlungen wird das ADHS sehr häufig übersehen, weil die Betroffenen ja gerade äußerst genau und perfektionistisch sind. Man glaubt heute, dass ADHS in Verbindung mit Zwängen daraus resultiert, dass die Betroffenen auf Grund ihrer leidvollen Erfahrung mit ihrer Vergesslichkeit und ihren Flüchtigkeitsfehlern kompensatorisch übergenau sind und sie sich ständig kontrollieren müssen. Dadurch werden sie sehr umständlich, perfektionistisch und langsam, was in ihnen erneut Stress hervorruft. Es kann auch sein, dass beides nebeneinander auftritt: bestimmte Bereiche, wo ADHS-Betroffene sehr perfektionistisch sind und dann wieder tobt um sie herum das Chaos.

Auch psychosomatische Symptome oder Somatisierungsstörungen treten gehäuft bei ADHS auf.  Diese stehen zum einen im Zusammenhang mit depressiven Erkrankungen und man könnte sagen, dass sich die Depression in ein körperliches Symptom verwandelt hat. Hierzu gehören beispielsweise Beklemmungsgefühle, Kopfdruck oder Kopfschmerz, Herzstechen, Kloßgefühl im Hals etc. Bevor man allerdings diese Symptome als psychisch bezeichnen darf, muss eine genaue körperliche Abklärung zum Ausschluss anderer organischer Erkrankungen erfolgen. Aber auch rein körperliche Erkrankungen können durch ADHS negativ beeinflusst werden. Ein Bluthochdruck wird häufiger entgleisen, wenn sich Wutanfälle und Impulsivität häufen oder auch ein Diabestes ist schlechter einstellbar, wenn die Stimmungen ständig schwanken. Stabilität oder Instabilität zeigt sich sowohl auf der körperlichen wie auch auf der seelischen Ebene. Darüber hinaus gibt es auch Erkrankungen, die häufiger mit ADHS zusammen vorkommen, ohne das es bisher eine Erklärung dafür gibt. Hier sind z.B. die Allergien, aber auch die Fibromyalgie zu nennen. Ebenso erkranken Betroffene im mittleren Lebensalter häufiger an einem Burnout-Syndom, weil sie durch die ADHS-Symptome ein Leben lang sehr viel Stress haben und sie sich diesen auch selber machen. Daraus können auch Depressionen entstehen.

Weiterhin kommen gehäuft Schlafstörungen, Unfähigkeit sich zu entspannen und restless leg Syndrom ( unruhige Füße)  vor. Wie bei den Kindern auch, findet man im Erwachsenenalter häufiger Ein- oder auch Durchschlafstörungen. Weiterhin fällt es Betroffenen oft schwer abzuschalten, Ruhe zu finden und sich zu erholen. Sie bleiben angespannt, nervös, gereizt und explosiv, selbst wenn ihre Umwelt Erholung und Muse zulassen würde. Eine neue Erkenntnis ist es auch, dass 25% der Erwachsenen, die an einem restless leg- Syndrom leiden auch von ADHS betroffen sind.

Weiterhin gibt es auch Kombinationen zwischen Autismus und ADHS. Autisten haben Schwierigkeiten sich in andere Menschen hinein zu fühlen.

Man nennt das mangelnde Empathie. Es fällt ihnen auch schwer Gefühle wahrzunehmen und Probleme zu verstehen die im emotionalen Bereichen liegen. Man kann das als Gefühlsblindheit bezeichnen.

Es zeigt sich bei Vorliegen einer AD(H)S auch eine deutliche Erhöhung des Auftretens von allen Essstörungen. Sowohl Magersucht ( Anorexie), Ess-Brechsucht (Bullimie) und Esssucht ( Hyperphagie) kommen gehäuft bei AD(H)S vor. Bullimie und Esssucht gehören zu den Störungen der Impulskontrolle, weil die Betroffenen Unmengen von Nahrungsmitteln in sich hinein schaufeln, während die Magersucht eher zwanghafte Anteile hat, weil Betroffene hier sich überkontrollieren und einfach gar nichts essen. Im Laufe des Lebens können die Essstörungen in andere Formen übergehen oder sich abwechseln.

Wir finden im Erwachsenenalter bei Auftreten einer AD(H)S eine höhere Rate von Persönlichkeitsstörungen. Hier ist die emotional-instabile Persönlichkeit zu nennen ( Borderlinestörung) , die große Überschneidung mit dem ADHS aufweist. Zur Zeit wird diskutiert, ob nicht ein großer Anteil der Borderlinestörungen des impulsiven Typs nicht unerkannte ADHS-ler sind ( hier kommt es immer darauf an, nachzuweisen, dass diese Symptome schon in der Kindheit bestanden haben) und als solche behandelt werden sollten. Es zeigt sich auch noch ein gehäuftes Vorliegen von antisozialen Persönlichkeitsstörungen, die eine höheres Risiko haben später dissozial zu werden. Auch narzistische und histrionische Persönlichkeitsstörungen werden häufiger beobachtet. 

Auch erleiden ADHS-Patienten häufiger posttraumatische Belastungsstörungen. Sie sind risikobereiter und unvorsichtiger und auf Grund des Suchtrisikos auch schneller Opfer von eskalierenden Situationen. Auch kann es in Familien mit mehreren ADHS-Betroffenen schneller zu aggressiven Durchbrüchen bis hin zu Gewaltexzessen kommen.

Im Erwachsenenalter stehen oft die Begleiterkrankungen im Vordergrund. Das ist auch der Grund warum man früher nicht wußte, dass AD(H)S auch im Erwachsenenalter vorkommt. Betroffene kamen dann nämlich mit dem Symptomen ihrer Begleiterkrankungen zum Arzt und dieser hatte noch nie etwas von AD(H)S gehört, weil er nie Kinder behandelt hatte. Und so wurde das AD(H)S im Erwachsenenalter über viele Jahre übersehen und nur die Begleiterkrankungen behandelt. Das war für Betroffene unbefriedigend, weil sie nicht störungsspezifisch behandelt werden konnten. Ein ADHS-Patient braucht eine massgeschneiderte Therapie, die auf seine besondere Problematik abgestellt ist und eventuell auch eine besondere medikamentöse Behandlung.