ADHS im Alter

(Artikel für ADHS-Deutschland)

Keinesfalls hat ADHS nur eine Relevanz im Kinder und frühen Erwachsenenalter. Gerade in den späteren Lebensabschnitten können die Symptome des ADHS sehr schwerwiegend sein, besonders wenn sich ein gescheitertes von Misserfolgen geprägtes Leben mit mangelnden sozialen Bindungen und beruflichen Niederlagen abzeichnet. Im Gegensatz zu dem frühen und mittleren Erwachsenenalter sind nun die Möglichkeiten für neue Weichenstellungen und lebensverändernde Erkenntnissen wegen der erwartungsgemäß deutlich geringeren Lebenserwartung begrenzt. Nicht selten fehlt eine solide Altersvorsorge und tragfähige Beziehungen, die im Alter Unterstützung bei Krankheiten und Gebrechen auffangen könnten. So kann im letzten Lebensdrittel Enttäuschung, Resignation , Groll und Wut, oder aber Depressionen mit massiven Selbstzweifeln und Vereinsamung im Vordergrund stehen.

Es darf dabei aber auch nicht vergessen werden, dass im Laufe des Lebens viele ADHS-Betroffene kreative Möglichkeiten und Nischen gefunden haben ihre besondere Art zu sein zu leben. Entscheidend hierfür ist die richtige Berufswahl getroffen zu haben und Menschen zu finden, die mit den Besonderheiten der ADHS umgehen und noch besser, gerade diese lieben können.

Sehr selten wird ein ADHS im Alter diagnostiziert und wenn dann wird es meist im Zusammenhang mit anderen ebenfalls von ADHS-betroffenen Familienmitglieder z.B. den Enkeln entdeckt. Indem sich die Großmutter mit den Schwierigkeiten der Enkel auseinander setzt, kann sie merken, dass sie in ihrer Kindheit und auch im Erwachsenenalter ähnliche Probleme hatte.

Ich habe meist allerdings die Erfahrung gemacht, dass besonders im Kindheitsalter die Krankheitsgeschichten nicht so eindrucksvoll sind, weil zu dieser Zeit damals ein sehr strenges Erziehungsideal vorherrschte, das häufig auch sehr struktur- und haltgebend war, allerdings nicht selten unter Einsatz von Schläge und körperlicher Züchtigung.

Ich möchte nun drei Fälle aus meiner Praxis vorstellen und gleichzeitig damit aufzeigen, dass es auch von großer Bedeutung ist, dass ADHS im höheren Lebensalter zu diagnostizieren, weil sich auch dann noch eine deutlich verbesserte Lebensqualität und Symptomreduzierung erreichen lässt, wenn die Diagnose gestellt und eine störungsspezifische Behandlung begonnen wird:

Fall 1:
Der 60 jähriger Patient berichtet, dass er völlig gescheitert sei, von Sozialhilfe lebe und nun durch Psychotherapie erreichen möchte, doch noch einmal etwas Sinnvolles in seinem Leben zustande zu bringen. Seine Geschichte sei voller Höhen und Tiefen. Er komme aus der ehemaligen DDR und habe schon sehr früh Schulschwierigkeiten gehabt, weil er immer ein Querdenker gewesen sei. Sein Vater sei aufbrausend und gewalttätig gewesen und habe ihn brutal misshandelt Mit 17 Jahren habe er sich auf dem Schwarzmarkt ein Maschinengewehr gekauft und damit Schießübungen gemacht. Er habe damit irgendwie gegen das von ihm so gehasste System revoltieren wollen. Er sei dann von der Stasi erwischt worden und habe insgesamt 4 Jahre im Jugendgefängnis verbracht. Er sei dann von der BRD freigekauft worden. Anschließend habe er im Westen mehrere Lehren angefangen, die er aber immer abgebrochen habe.

Auf dem zweiten Bildungsweg habe er das Abi nachgeholt und es sei ihm dann der Abschluss eines BWL-Studiums mit guten Noten gelungen. Danach sei er in falsche Kreise geraten und er habe dann Millionen mit Immobilienfonds verdient, die er anschließend wieder in den Konkurs getrieben habe. Durch eine Unachtsamkeit sei er damit aufgeflogen und er habe wieder eine zeitlang im Gefängnis gesessen. Dann habe er sich für den Tierschutz eingesetzt und jahrelang sich in dieser Organisation verausgabt. Beruflich habe er nicht mehr Fuß fassen können und außer Gelegenheitsjobs habe er nichts mehr gearbeitet. Es gelinge ihm bis heute nicht vernünftige Bewerbungen zu schreiben und klare Gedanken zu fassen. So habe er ständig neue Gedanken im Kopf, dann aber könne er keine Entscheidungen treffen. Eine stabile Beziehung habe er nie aufbauen können. Er sei so launisch gewesen und er sehe sich selbst als beziehungsunfähig.


Grundsätzlich war es für den Patienten sehr hilfreich, dass die Diagnose ADHS gestellt wurde, denn nun konnte er seine Lebensgeschichte viel besser verstehen. Er konnte nachvollziehen, warum er in seinem Leben so oft gescheiter war und es gelang ihm über all die Misserfolge und sein Scheitern zu trauern.Mit Hilfe einer Stimulatientherapie und einem ADHS- Trainingsprogramm ist es ihm nun besser gelungen sein Leben zu ordnen, Bewerbungen zu schreiben und seine finanziellen Dinge besser zu regeln.

Seine Selbstverachtung und seine Selbstzweifel sind auch mehr in den Hintergrund getreten. Die beruflichen Möglichkeiten sind natürlich in seinem Alter sehr begrenzt.

Fall 2: Die 70 jährige Patientin kommt notfallmäßig, weil sie Angst habet in die Psychiatrie eingewiesen zu werden. Sie sei total stimmungslabil, fange bei jeder Kleinigkeit an zu weinen, andererseits sei sie sehr aggressiv und aufbrausen, so wie sie sich sonst nicht kenne. Ihr Stimmungen wechselten ständig. Zeitweise sei sie aber auch sehr fröhlich, dann wieder durch Kleinigkeiten völlig aus der Fassung zu bringen. Seit Monaten werde sie mit Antidepressiva ohne Erfolg behandelt. Es habe alles angefangen, als sie wegen einer Herzerkrankung aufgehört habe zu rauchen. Ihr Leben lang habe sie 40 Zigaretten täglich geraucht.

Früher sei sie eine sehr temperamtvolle, mutige Frau gewesen, die erste Gemeinderätin in ihrem Dorf und sie habe immer Narrenfreiheit gehabt und jedem die Meinung gesagt. Als Kind sei sie unruhig und aufbrausend gewesen. Dies habe sich in der Pubertät gebessert, allerdings habe sie zu dieser Zeit auch angefangen zu rauchen. Vor einem halben Jahr habe sie nun abrupt mit Rauchen aufgehört, weil sie einen Herzinfarkt erlitten habe. Seitdem sei sie in diesem unerträglichen Zustand. Als besonders belastend empfinde sie auch eine unerklärliche Unruhe und Anspannung
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Bei der Patientin konnte lebensgeschichtlich schon in der Kindheit ein  ADHS diagnostiziert werden. Die Patientin hat durch einen massiven Nikotinkonsum eine Selbstmedikation betrieben und sich über Jahrzehnte damit stimmungsstabil gehalten. Jetzt wo sie abrupt das Nikotin absetzte, sind die alten ADHS-Symptome wieder aufgetreten. Es handelte sich eben nicht nur um Nikotinentzugserscheinungen, sondern selbst nach über einem halben Jahr Nikotinabstinenz waren diese Symptome noch in voller Ausprägung vorhanden. Mit der Gabe von Methylphenidat 5mg-5mg täglich wurde die Patientin ruhig und ausgeglichen und ihre Depression verschwand völlig.Selbst nach Jahren ist sie unter dieser sehr geringen Medikation völlig stabil und sie erfreut sich mit einer unglaublichen Vitalität ihres Lebens. Sie wirkt mindestens 20 Jahre jünger als ihre Gleichaltrigen, mit denen sie so wenig anfangen kann, weil sie selbst noch so aktiv ist.

Fall 3: Die 65 jährige Patientin berichtet, dass sie immer sehr nervös und unruhig gewesen sei. Über Jahre sei sie mit Lexotanil und Antidepressiva behandelt gewesen, aber sie habe sich nie so richtig stabilisieren können. Sie zweifele sehr an sich, weil sie so wenig belastbar sei und sie häufig heftig auf kleine Auslöser reagieren müsse. In den letzten Jahren seien ihre Symptome besser geworden, weil sie eine Ausbildung als Jogalehrein gemacht habe. Die stundenlangen Jogaübungen helfen ihr mehr ihr inneres Gleichgewicht zu finden. Es falle ihr aber unglaublich schwer Jogakurse zu geben, weil sie jedes Mal immer unter großen innerlichen Druck geraten würde. Sie habe das Gefühl sich überhaupt nicht konzentrieren zu können, selbst die einfachsten Sachen zu vergessen und mit ihrer innerlichen Aufgeregtheit ihren Klienten zu schaden.


Auch bei dieser Patientin zeigte sich ein deutliches ADHS, was sich durch ihr ganzes Leben zog. Die Patientin hat durch ihr Joga eine gute Entspannungsstrategie und eine Zentrierung gefunden. Durch die Behandlung mit 5 mg Methylphenidat war die Patientin dann in der Lage ihre Jogakurse zu geben und sie war stolz auf sich erfolgreich zu sein und auch anderen Menschen helfen zu können. Von diesen positiven Erfahrungen hatte die Patientin bisher in ihrem Leben viel zu wenige.

Leider ist bis heute der Forschungstand für ADHS bei älteren Menschen sehr dürftig. Es bedarf weiterer Studien, wie ADHS-Patienten ihr Alter erleben, insbesondere wenn sie durch körperliche Einschränkungen keine ausreichende Bewegung mehr haben und sich auch dadurch ihre ADHS- Symptome verstärken können. Es ist davon auszugehen, dass Menschen, die ihr ADHS im Laufe ihres Lebens kompensieren können im Alter wieder ihre Bewältigungsstrategien beraubt werden können, sei es durch körperliches Gebrechen, durch die Einschränkung ihrer Freiheit, wenn sie in ein Altersheim müssen oder aber wenn sie beruflich keinen Erfolg mehr haben oder berentet werden. Gerade ADHS-Patienten im Altersheim brauchen möglicherweise auch ganz spezielle Angebote um ihrer inneren Unruhe, ihrem Bewegungsdrang und ihrem Wunsch nach Action nachgehen zu können.